Den folgenden Redebeitrag hielt Deborah Frank stellvertretend für die jüdische Kultusgemeinde Trier, den jüdischen Studierendenverband Rheinland-Pfalz/Saarland – „Hinenu“ – und die Deutsch-Israelische Gesellschaft Trier.
Es ist ein unglaublich trauriger Anlass, der uns heute hier zusammenbringt.
Als am 7. Oktober Terroristen der Hamas in das Haus der Familie Bibas einfielen, beschützte Shiri ihre beiden Kinder wie eine Löwin – die schmerzhaften Bilder der Entführung gingen um die ganze Welt. Die Terroristen verschleppten sie, ihren Mann Yarden, ihren vierjährigen Sohn Ariel und ihr neun Monate altes Baby Kfir. Sie töteten Shiris Eltern sowie Ariels Hund Tonto. Nur etwa einen Monat später ermordeten sie Shiri und ihre beiden Kinder auf kaltblütige Weise. Drei Generationen der Bibas Familie mit einem Mal ausgelöscht.
Obwohl Shiri und ihre Kinder auch die deutsche Staatsbürgerschaft hatten, wurde von der deutschen Regierung kein Druck auf die Hamas ausgeübt und die Zivilgesellschaft kam nicht zu Tausenden zusammen, um ihre Freilassung zu fordern. Sie wurden im Stich gelassen.
In einem Brief an die israelische Regierung sagte Yarden: „Nun, 514 Tage später, bin ich aus Gaza in eine unvorstellbare Realität zurückgekehrt, in der ich meine gesamte Familie an einem einzigen Tag begraben musste. Niemand sollte jemals einen solchen Albtraum durchleben müssen.“[1]
Die Plakate der Familie Bibas haben meinen Newsfeed in den letzten eineinhalb Jahren in hohem Maße geprägt. Ihre Gesichter sind auch auf den Straßen Israels überall zu sehen. Shiris, Ariels und Kfirs rote Haare sind zu einem Symbol im Kampf zur Befreiung aller Geiseln geworden. Ihre Gesichter gaben uns Hoffnung und die Kraft, weiterzumachen.
An Ariels letztem Purim, einem jüdischen Feiertag, verkleidete er sich als Batman – das war sein Lieblingsheld. Sein bester Freund Yoav, mit dem er gemeinsam aufwuchs, fragte seine Mutter ständig, wann Ariel endlich aus Gaza wiederkäme. Er bewahrte ein Batman-Kostüm für ihn auf und schrieb ihm folgenden Brief: „Ich will für dich Batman und alle Superhelden malen, die fliegen können, damit du die Kraft hast, über Gaza zu fliegen und die Bösewichte mit Pfeil und Bogen zu bekämpfen. Und dann kommst du zurück und wirst mit uns im Kindergarten zusammen sein. Ich hoffe, du wirst Süßigkeiten und ein Cape bekommen. Ich vermisse dich.“[2]
Die Vorstellung, dass ein Baby und ein Kleinkind ihre ersten Lebensjahre in den dunklen Tunneln der Hamas verbringen mussten, ist unvorstellbar. Die letzten Wochen, geprägt von einem Hin und Her an Lebenszeichen, waren ein unvorstellbarer Schmerz. Die Vorstellung aber, dass die Welt an einigen Orten über die letzten Wochen voll war mit orangefarbenen Luftballons, fühlt sich dabei ein wenig tröstend an.
Ich habe mir in den letzten eineinhalb Jahren oft einen Ort zum Trauern gewünscht, an dem ich nicht politisch debattieren muss, keine Angst haben muss, sondern einfach nur die Menschen, die neben mir stehen, weinend in die Arme schließen kann. Ich will nicht, dass diese Trauer instrumentalisiert oder politisiert wird. Insbesondere heute, wenn wir einer Familie gedenken, die das Unvorstellbarste durchleben muss. Heute sind unsere Gedanken und Gebete bei Yarden und der gesamten Familie Bibas. Ich möchte heute innehalten und den Menschen, den Familien, den Freunden, meinen Freunden gedenken, die nie wieder einen Luftballon steigen sehen werden. Der Schmerz wird bleiben, aber die Erinnerungen an sie auch.
All die Nachrichten der vielen Geiseln, die in den letzten Wochen in Israel beerdigt wurden, zuletzt die der Familie Bibas, haben die gesamte jüdische Gemeinschaft paralysiert. Ihre Ermordung ist aber gleichzeitig auch ein Weckruf, eine Mahnung geworden: Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, damit die verbliebenen 59 Geiseln in Gefangenschaft der Hamas nach Hause kommen. Darunter sind 24 Leben, die wir noch retten können.
Ich möchte euch einladen, dass wir uns gemeinsam an einige von ihnen erinnern, die noch nicht wieder zurück sind, aber auch an die, die nicht mehr wieder kommen werden. Solange wir ihre Geschichten weitererzählen, geraten sie nicht in Vergessenheit:
Die 24 Menschen – die jüngsten erst 20 Jahre alt –, die vermutlich noch leben, sind: Elkana Bohbot, Matan Angrest, Edan Alexander, Avinatan Or, Yosef-Haim Ohana, Alon Ohel. Evyatar David, Guy Gilboa-Dalal, Bipin Joshi, Rom Braslavski, die Brüder Ziv und Gali Berman. Omri Miran, Eitan Mor, Segev Kalfon, Nimrod Cohen, Maxim Herkin, Eitan Horn. Matan Zangauker, Bar Kupershtein, Brüder David und Ariel Cunio, Tamir Nimrodi, Pinta Nattapong.
Unter denjenigen, die ihre Familien nie mehr in die Arme schließen können werden, sind:
- Shlomo Mansour: Überlebender des Farhud-Pogroms im Irak und liebevoller Großvater von zwölf Enkelkindern;
- Oded Lifshitz: Friedens-Aktivist, der kranke Kinder in Gaza unterstützte und sich für den Dialog zwischen Juden und Arabern einsetzte;
- Shani Louk: eine junge deutsch-israelische Frau, die das Leben und die Musik liebte;
- Alex Lobanov, der auf dem Nova-Festival arbeitete und niemals sein zweites Kind in die Arme schließen wird;
- Carmel Gat: sie wurde von anderen Geiseln als Schutzengel bezeichnet, sie gab ihnen die Kraft, in den dunklen Tunneln zu überleben – „sie war Licht und Regenbogen“;
- Hersh Goldberg-Polin: ein junger Mann, der das Reisen liebte und dessen Mutter unermüdlich für seine Freilassung und die aller Geiseln weiterkämpft.
Shiri, Ariel, Kfir – סליחה! Es tut uns leid! Möge eure Erinnerung für immer ein Segen sein.
Belege
[1] Bibas, Yarden (2025): Brief von Yarden Bibas an Israels Ministerpräsident Netanjahu: »Es frisst mich auf«. Jüdische Allgemeine. URL: https://www.juedische-allgemeine.de/israel/es-frisst-mich-auf/ (Zugriff am 08.3.2025).
[2] Arbeli, Peled (2025): Grieving Mother Shares Anguish of Explaining Ariel Bibas’s Murder to Son. The Jerusalem Post. Text abrufbar unter: https://www.jpost.com/israel-news/article-843624 (Zugriff am 08.3.2025).
Zitationsvorschlag
Frank, Deborah (2025): „Sie wurden im Stich gelassen“. Redebeitrag auf der Gedenkveranstaltung für die Bibas-Familie am 09. März 2025 in Trier. In: These Acht – Blog für Antisemitismusforschung und -kritik, 19.03.2025. URL: https://these-8.de/deborah-frank/sie-wurden-im-stich-gelassen/ (Zugriff am XX.XX.XXXX).
Schreibe einen Kommentar